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Alles so sauber...vier Wochen Urlaub in Deutschland


Vier Wochen Urlaub in Deutschland. Wir hatten beide im Vorfeld dieser Reise  unterschiedliche und gemischte Gefühle. Wie würde ich mich, nach einen halben Jahr in Tansania fühlen? Wie würden uns Familie und Freunde begrüßen. Natürlich habe ich mich riesig auf meine Familie und Freunde gefreut und auch Sadat war mächtig gespannt darauf, meine Familie kennen zu lernen.                                                                      Die Jungs ließen uns nur gerne fliegen, zu gerne wären sie mitgekommen. Das Ganze Brimborium um die Visa haben sie nicht verstanden.

 

Nach einem Nachtflug bei dem wir vor Aufregung nur sehr wenig schlafen konnten, landeten wir überpünktlich in Frankfurt.                            Die Passkontrolle verlief erfreulicher Weise  problemlos, so konnten wir schnell unseren Koffer schnappen und uns Bahnfahrkarten besorgen. Sadat war von dem riesigen Flughafen  ziemlich beeindruckt, irgendwann meinte er trocken:“ es gibt gar keinen Staub“. Stimmt, auch mir kam alles super sauber vor, keine Plastiktüten die einem vor die Füße flogen, keine Staubwolken und kein Lärm. Es wirkte alles ein wenig steril, so als ob jemand extra für uns geputzt hätte.                                                                                                                                                                                Auf dem Bahnsteig versuchte niemand uns in einen Zug zu zerren, kein unnützes Gedrängel, kein unnützer Lärm.                                                  Der Zug war pünktlich und um diese Uhrzeit noch nicht besonders voll, so dass wir ohne Probleme Sitzplätze bekamen.                                  Sadat bestaunte die Landschaft mit den riesigen Getreidefeldern, sein erster Eindruck war positiv.                                                                              In Göttingen holte uns meine Schwiegertochter mit meinem Auto ab und wir wurden beide sehr herzlich begrüßt.                                            Mein Sohn Jakob und meine Enkeltochter Grete bereiteten Zuhause das Frühstück vor.                                                                                             Anne fragte mich, ob ich schon gleich fahren wollte, was ich dankend ablehnte. Nach einem halben Jahr fühlte ich mich dem Straßenverkehr nicht gewachsen.                                                                                                                                                                                                                            Uns erwartete ein aufgeregter Sohn und ein super leckeres Frühstück, wie hatte ich mich auf frische Brötchen gefreut. Mein Sohn samt seiner Familie brauchte nicht lange, um mit Sadat warm zu werden. Meine Enkeltochter Grete war zuerst ein wenig scheu, ging dann aber wie selbstverständlich mit Sadat um, zwischendurch musste sie aber doch mal  „heimlich“ an seinem Arm reiben, um festzustellen, dass die Farbe nicht ab ging. Ich musste dabei an Mini denken, der kurz vor unserem Abflug feststellte, dass meine Nase seit meiner Ankunft, vor einem halben Jahr deutlich kürzer geworden sei und meine Hautfarbe sich auch ständig verändere. Er hat die Vorstellung, dass ich eines Tages so aussehe, wie alle anderen in Tansania. Grete hatte vielleicht ähnliche Gedanken, was Sadat betraf.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Nach einem ausgedehnten Frühstück bestaunten wir den Kleingarten von den Dreien und genossen die warme Sonne. Wie schön, wir waren wirklich im Sommer angekommen, das alle anderen auf Regen warteten war uns gar nicht so bewusst. Wir verbrachten ein paar wundervolle Stunden zusammen, dann war es Zeit Richtung Hannover aufzubrechen.                                                                                                                          Bei den ersten Metern mit dem eigenen Auto erhöhte sich mein Puls, aber scheinbar ist es mit dem  Autofahren wie mit dem Fahrrad fahren, man verlernt es nicht, jedenfalls nicht so schnell. Nach kurzer Zeit genoss ich die Fahrt, Sadat bestaunte wieder die sommerliche deutsche Landschaft und stellte ein ums andere mal fest, wie sauber alles sei.   

In meinem alten Zuhause hatte sich nichts verändert, der Garten war ein bisschen mehr verwildert, als ich es gewöhnt war, ansonsten war alles wie immer und mein jüngster Sohn Simon empfing uns auf seine gewohnt trockene Art. Jetzt machte sich bei Sadat und mir die Müdigkeit bemerkbar, wir hatten seit 36 Stunden kaum geschlafen, aber hungrig waren wir dennoch. Was tun in so einem Fall, klar, man ruft den Pizzaservice an, der auch prompt lieferte und Sadat wieder in Staunen versetzte.

Die nächsten Tage verbrachten wir damit, meine Eltern zu besuchen, Freunde zu treffen und uns ein wenig zu akklimatisieren. Wir freuten uns über frische Brötchen und genossen jeden Morgen ein ausgiebiges deutsches Frühstück, Sadat war von dem reichhaltigen Käseangebot sehr angetan.                                                                                                                                                                                                                                         Nach einem halben Jahr Abstinenz, waren auch die Nachrichten wieder reizvoll. Ich stellte verwundert fest, dass die Asyldebatte Europa immer noch fest im Griff hatte, das sommerliche Klima kam mir dadurch seltsam kühl vor, dass Olaf Scholz Vizekanzler ist, hörte ich zum ersten Mal. In Tansania habe ich mich  so gut wie gar nicht um die deutsche Politik gekümmert, wozu auch, die Welt spielt auch ohne mich verrückt.                                                                                                                                                                                                                                              In meinem „alten“ Umfeld hatte sich eigentlich nichts verändert, trotzdem fühlte ich mich nicht wie gewohnt Zuhause, Zuhause lag nun 10000 Kilometer entfernt in Ostafrika, auch wenn wir von Freunden und Familie sehr herzlich empfangen wurden.                                                          Wir diskutierten dennoch darüber, ob wir uns in Deutschland eine gemeinsame Zukunft, vor allem für die Kinder, vorstellen konnten. Uns war, bzw. ist bewusst, dass ihre Bildungschancen hier deutlich besser wären, als in Tansania. Es gab noch einiges was für Deutschland sprach,  trotzdem kamen wir immer wieder schnell an den gleichen Punkt; wir sehen unsere Zukunft in Tansania. Die Asyldebatte bestärkte uns in  unsere Absicht dabei sicherlich, auch wenn wir selbst keine negativen Erfahrungen in den vier Wochen machen mussten. Aber wie wäre es, wenn die Jungs oder Sadat sich alleine bewegen würden, müsste ich mir dann ständig Sorgen machen? Ich glaube nicht, dass ich durch unsere Beziehung überempfindlich jedes Wort auf die Goldwaage lege, aber bei einigen Gesprächen die wir mit Freunden führten, fühlte ich doch eine unterschwellige leichte Fremdenfeindlichkeit. Der deutliche spürbare „Rechtsruck“ verändert Deutschland, auch auf lange Sicht, nicht positiv.                                                                                                                                                                                                                                 Sadat stellt irgendwann fest, dass man sich in Deutschland viel weniger grüßt als in Tansania und viel weniger mit fremden Menschen ins Gespräch kommt.

 

Es hat uns sehr viel Spaß gemacht in Hannover zu shoppen, aber wir beide waren auch ein wenig erschlagen von dem Überangebot an Kleidung, Nahrung usw. Trotzdem wäre ich ein ums andere Mal einem „Kaufrausch“ unterlegen, hätte mein Mann mich nicht mit den Worten: „brauchen wir das“ gebremst. Es stimmt, wir kaufen in Deutschland viel unnötiges Zeug, vielleicht nur, weil es scheinbar günstig ist. Sadat musste allerdings auch zugeben, dass ihn die Qualität der angebotenen Kleidung begeisterte, selbst bei Kik.

 

Mein Aufbruch nach Tansania war ja im Winter ein wenig überstürzt, nun musste ich mein Haus leer räumen, ich fuhr also in den vier Wochen regelmäßig einen nahe gelegenen Recyclinghof an, wenn ich den Beifahrersitz frei ließ, begleitete mich mein Mann. Er war fasziniert von unserer Art der Mülltrennung und philosophierte, wie viel sauberer es in Tansania wäre, würde man sich ein wenig davon abschauen.            Beim Aussortieren meiner Sachen stellte ich leicht erschrocken fest, mit wie vielem unnützem Krempel ich mich in den letzten Jahren so umgeben hatte und wie leicht es mir fiel ihn einfach weg zu geben. Ich nahm meinem Mann das Versprechen ab, darauf zu achten, dass ich in Tansania nicht so viel Krempel ansammele. Vielleicht fühle ich mich auch auf Grund unserer eher spartanischen und überschaubaren Wohnung so wohl. Ein paar Dinge wollte ich allerdings doch gerne behalten, sie sind jetzt per Post auf dem Weg nach Tansania und kommen hoffentlich bald unversehrt an.

 

Bei unserem Besuch in Deutschland gab es nur einen einzigen Regentag und den nutzten wir, um zu IKEA zu fahren. Von diesem Möbelhaus hört man so gar im fernen Tansania. Es gibt wohl eine kleine Hotelkette, die sich die Möbel von dort schicken lässt. Sadat war also recht neugierig was uns hier erwarten würde. Nach einem Rundgang, bei dem wir nicht umhin kamen, eine winzige Lampe für unser Wohnzimmer zu erstehen war Sadat doch sehr angetan, vielleicht können wir einige Ideen einem Tischler vermitteln, aber es lebt sich eigentlich auch gut ohne dieses Möbelhaus.

 

Ich hätte mir gewünscht, Sadat mehr von Deutschland zu zeigen, eigentlich stand Berlin auf unserer Wunschliste, aber bei all den Formalitäten blieb dafür keine Zeit. Wir haben immerhin einen wunderbaren, sommerlich, warmen Abend  mit Freunden am Maaschsee verbracht und hatten viel Spaß bei einem gemeinsamen Besuch mit meinem Sohn Jakob und seiner Tochter im Wiesentgehege. Es war sehr spannend einige Erlebnisse durch Sadats Augen zu sehen und hin und wieder musste ich dabei auch Schmunzeln. Nach unserem Abend am Maaschsee, bei dem Sadat wieder sehr erfreut darüber war, dass es erst gegen 22:00 Uhr dunkel wird, fuhren wir an einer Reihe parkender Autos vorbei und er fragte mich verwundert, ob die Besitzer keine Angst hätten, dass ihnen am Morgen die Reifen fehlen würden. Unvorstellbar, in Arusha, ein Auto ohne Bewachung nachts draußen zu lassen.

 

Ich glaube, bei mir stellte sich das Heimweh nach Tansania ein wenig eher ein als bei Sadat. Mir fehlten die Kinder und das fröhliche, manchmal chaotisch Treiben in Arusha. Zurück, würde mir bestimmt hin und wieder einiges aus Deutschland fehlen, wie z.B. Brot und Käse oder Wasser einfach aus der Leitung trinken zu können. Aber mit der Hilfe von Skype oder Whats App ist die Familie oder Freunde nicht aus der Welt und es wird bestimmt auch den nächsten Urlaub in Deutschland geben, hoffentlich auch mal mit den Jungs.



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Kommentare: 9
  • #1

    Diana v. Bohlen (Samstag, 04 August 2018 13:55)

    wieder ein so erfrischend lebendiger Bericht, der Dir anscheinend locker von der Hand geht !

    ...vielleicht schreibst Du ja doch mal ein Buch darüber ! ;)

    Euere Fotos sind TOLL !

    man sieht Euere Liebe füreinander und wie gut Ihr Euch versteht !

    ein ganz lieber Gruß Diana

  • #2

    Elke Krüger (Sonntag, 05 August 2018 10:54)

    Hallo Elske, mit Freude lese ich Euren Bericht von dem Besuch in Deutschland. Ja, ich denke, da wird es für Deinen Mann viel zu bestaunen gegeben haben. Dass Du Dich schon so gut in Tansania eingelebt hast, so dass Du schon "von außen" auf die alte Heimat sehen kannt, ist bemerkenswert.
    Woher spricht Dein Mann so gut Deutsch, wenn er noch nicht hier war? Ich wünsche Euch weiterhin alles Gute für das Leben in Tansania.
    Liebe Grüße
    Elke

  • #3

    Dorothea Weckmann-PIper (Dienstag, 07 August 2018 11:56)

    Hallo Elske,
    Es ist schon interessant, die Heimat mit Abstand zu betrachten und zu erleben.
    Ja, das Wesentliche geht bei dem Überangebot und und Kommerz ,statt
    die Natur zu schützen, verloren.
    Dein Bbericht ist so lebendig, als ob Du hier wärst,
    und mir alles erzählst. Danke!
    Ich hoffe ja, dass wir uns mal im Wisentgehege begegnen.
    Liebe Grüße und alles Gute für Dich und Deine Familie, Dorothea

  • #4

    Ulli Drews (Dienstag, 07 August 2018)

    Hallo Elske,
    es war wieder mal wunderbar von dir etwas zu lesen. Hier jetzt euer Besuch in Deutschland.
    Leider muss ich dir auch Recht geben was du bezüglich Ausländerfeindlichkeit und politischem Rechtsruck hier in Deutschland beschreibst. Das macht ganz gewiss Vielen und auch mir so gewisse Sorgen für die Zukunft und ganz ehrlich, ich schäme mich auch etwas dafür. Eure Fotos von euch Beiden sind sehr schön und liebevoll! Auch ich erkenne dabei eine sehr enge Beziehung zwischen euch! Macht weiterhin das Beste daraus und arbeitet ständig daran, damit euer unverkennbares Glück möglichst für die Ewigkeit ist. Das wünsche ich euch!!!

    Ganz herzliche Grüße an Dich und Deinen Mann,
    Ulli

  • #5

    Daniela Kriegsheim (Mittwoch, 08 August 2018 14:46)

    hallo süsse anch unserem gespräch heute hab ich dir fotos nochmal angeguckt und ich freu mich so darüber wie glücklich du aussiehst ich drück dich

  • #6

    Ilse Bartels (Montag, 13 August 2018 10:46)

    Hallo Elske
    wieder ein wundervoller Bericht. Ich lese mit voller Begeisterung die Geschichten. Es könnte ein kleines Buch werden.
    Weiter so und alles Gute
    Ilse

  • #7

    Marcus (Samstag, 18 August 2018 15:16)

    Liebe Grüße von deinem "restlichen Krempel", von dem ja nun einiges in unserem Haus steht. Am besten gefällt mir der geschenkte Wohnzimmerschrank und der Ledersessel. Das Kaffeeservice ist auch schon zwei Mal zum Einsatz gekommen.

    Liebe Grüße aus Hannover
    Marcus

  • #8

    Ulla Holbein (Dienstag, 21 August 2018 07:16)

    Guten Morgen Elke,

    endlich komme ich mal wieder dazu dir ein paar Zeilen zu schicken!
    Ich lese nach wie vor deine Blogs mit dem größten Interesse und finde sie spannend ohne Ende.
    Wie ich lese, warst du mit deinem Mann in Deutschland, um (so wie es sich anhört) alles aufzulösen. Das bedeutet, du bist endgültig in Tansania angekommen! :)
    Das freut mich sehr für dich, Deutschland ist zwar ein Stück entfernt, aber nicht aus oder Welt! :))
    Leider schaffe ich es nicht mehr regelmässig hier zu schreiben, da ich mittlerweile große Probleme mit den Augen habe und deswegen sehr viel Zeit in der Augenklinik verbringe.
    Aber nicht nur die Zeit fehlt, sondern auch das Schreiben bzw. Sehen macht mir an manchen Tagen sehr zu schaffen!...

    Dir, deinem Mann und den Kinder weiterhin alles Gute mit lieben Grüße aus Deutschland...
    Ulla

  • #9

    Marcus (Dienstag, 21 August 2018 17:07)

    Achso, falls es dich und deine neue Familie interessiert: ich sende euch gerne Fotos vom neuen „Zuhause“ deiner Sachen! :)
    marcus-nolte@gmx.net