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Meine afrikanische Familie


Kurz nachdem wir aus Deutschland zurück gekehrt sind, haben sich  Verwandte von Sadat angemeldet, um uns zu besuchen.                    Vielleicht auch, um mich ein bisschen näher kennen zu lernen.

Mmbaraka, ein Neffe von Sadat wohnt ja schon eine ganze Weile bei uns und unterstützt mich wirklich viel. Hin und wieder ist er ein bisschen irritiert, weil ich  Arusha auch gerne allein erkunden möchte und nicht auf permanente Gesellschaft bestehe und auch sonst einige kleine europäische Macken habe.  Ansonsten kommen wir sehr gut miteinander aus.

 Nun standen also seine große Schwester Mize und Cousin Ndoro vor der Tür. Zuerst hatten die beiden wohl ein wenig Angst vor mir, aber nach ein paar Tagen hatten wir uns alle miteinander arrangiert.                                                                                                                                          Ich musste mich schon ein wenig an die Enge gewöhnen, alle anderen hatten damit kein Problem. Selbst  Mini und Kassim murrten nicht, obwohl sie sich  in den ersten Tagen ein Bett teilen mussten.                                                                                                                                               Für tansanische Verhältnisse wohnen wir ja sehr großzügig, scheinbar wird auf eine Privatsphäre nicht so viel Wert gelegt, man agiert innerhalb der Familie. So wird man auch meist nicht mit dem eigen Namen angesprochen sondern mit seiner „Funktion“ innerhalb der Familie; also Schwester von Mmaraka ist Mize oder Onkel von Mmbaraka ist Sadat, manchmal bin ich Mama Mini, die Mama von Mini, aber meist bin ich einfach Elske.

 Dass mir meine Privatsphäre wichtig ist  und ich auch nicht unbedingt möchte, dass jemand ungefragt an meinen Kleiderschrank geht, stieß erstmal auf leichtes Unverständnis, die Familie musste hier ein striktes Nein von mir allerdings akzeptieren. Ich dagegen musste z.B. lernen, dass man auch schon morgens zum Frühstück Ugali essen kann und sich überhaupt der Tagesablauf viel um die Mahlzeiten dreht.  Sadat der einige Tage später von einer Safari zurück kam, half beim gegenseitigen kennen lernen natürlich sehr.

 Durch diesen Besuch sind mir die kulturellen Unterschiede  deutlich aufgefallen, es war nicht so leicht den Balanceakt zwischen Anpassung und eigener Identität zu bewältigen. Sadat hat mir mit seiner geduldigen Art sehr geholfen die Familienstrukturen zu verstehen und hin und wieder zu vermitteln.  Wir alle haben in den ersten Tagen viel Geduld aufbringen müssen um uns zu verstehen, mein mangelndes Suaheli hat die Sache natürlich nicht vereinfacht.                                                                                                                                                                                        Das ich als Tante eine bestimmte und nicht unwichtige Funktion zu erfüllen habe, war mir zuerst einmal nicht wirklich bewusst, ich brauchte eine Weile um in diese Rolle zu schlüpfen. Ob ich die Rolle nach tansanischem Verständnis gut ausfülle weiß ich allerdings nicht.

 

Es war gerade ein wenig Ruhe in unseren Alltag gekehrt, da wurde die Familie erneut durch ein wirklich schlimmes Erlebnis aufgeschreckt, letztlich hat es uns aber geholfen, uns als Familie zu fühlen:

 Spät am  Montagabend klingelte eins unsere Handys, ungewöhnlich für die Uhrzeit. Sadat sprach kurz und sehr ernst mit jemandem; Lucy hatte sich gemeldet, es ginge ihr sehr schlecht und Ali ihr Mann sei auf Safari. Lucy ist im vierten Monat schwanger, ich hatte sie erst einmal gesehen und wusste bis dahin  nicht wirklich viel über sie.                                                                                                                                               Sadat weckte Mmbaraka, gemeinsam fuhren sie los um ihr zu helfen. Ich las noch eine Weile aber mir fielen immer wieder die Augen zu, nach einigen Stunden meldet sich Sadat per Handy aus einem Krankenhaus, Lucy  würde es sehr schlecht gehen, scheinbar hatte sie frühzeitig Wehen bekommen. „Sie werden ihr Wehenhemmer geben“, sage ich noch zu ihm. Ich döste wieder ein.                                                            Lange nach Mitternacht kam Sadat durchgefroren  und müde nach Hause, er begrüßte mich mit den Worten: „wie gut, dass wir eine Krankenversicherung haben, was Du in so einem Krankenhaus siehst ist unvorstellbar. Die Menschen müssen sich alle ein Bett teilen.“  Aber scheinbar ist Lucy trotzdem für die Nacht gut versorgt, versuche ich Sadat zu beruhigen.

Wir waren beide so müde und wollten nur noch schlafen, da klingelte erneut das Handy, erneut meldete sich Lucy. Das Baby sei gekommen. Sadat bestellte uns ein Taxi. Gemeinsam fuhren wir durch das nächtliche Arusha. Die Situation kam mir merkwürdig surrealistisch vor, Sadat saß neben dem Fahrer, ich saß hinten im Wagen, neben mir eine sehr alte Frau die fortwährend vor sich hin summte, warum sie mit uns im Taxi saß, was sie wollte konnte ich nicht sagen, Sadat scheinbar auch nicht. Wir fuhren ins Mount Meru Hospital, es ist eins der größten Provinzkrankenhäuser, also ein staatliches Krankenhaus.                                                                                                                                                     Wir hielten vor einem uralten Gebäude, schon auf den ersten Blick, wirkte es in keinem Fall vertrauenserweckend. Trotz der späten Stunde wirkte  es überfüllt, wir konnten ohne Probleme durch die Flure gehen, keiner fragte uns, was wir zu dieser Zeit hier wollen. Tatsächlich liegen in fast allen Zimmern  die Patienten zu zweit in einem Bett, die Türen standen offen, alles wirkte dreckig.                                                          Endlich erreichten wir Lucys Zimmer, auch sie teilte sich das Bett mit einer anderen Frau. Es waren weder Ärzte noch Krankenschwestern zu sehen. Lucy konnte kaum gerade stehen, gab aber der alten Frau ein Stoffbündel und ließ uns wissen, dass wir sie wieder allein lassen sollten.

 

Die alte Frau steckte das Bündel unter ihren Umhang. Sadat erklärte mir, dass sich in dem Bündel der Fötus befindet, wir sollten einen Ort finden, an dem wir ihn beerdigen können, ich versuchte Fragen zu formulieren und scheiterte, ich hatte das Gefühl, mich in einem völlig falschen Film zu befinden.                                                                                                                                                                                                             Wir nahmen erneut ein Taxi, das uns nach Hause bringen sollte.  Bei uns angekommen übergab mir die Frau das Bündel und fuhr mit dem Taxifahrer weiter.                                                                                                                                                                                                                        Sadat hatte ganz große traurige Augen; wie sollen wir jetzt mitten in der Nacht einen geeigneten Platz finden.                                             Letztlich kam nur ein kleines Stück „Garten“ in Frage. Sadat grub im dunklen ein kleines Loch aus, ich hielt das Bündel fest im Arm, tausend Gedanken rasten mir durch den Kopf aber ich konnte keinen bis zu Ende denken.  Wortlos legten wir das Bündel in sein Grab. So traurig habe ich meinen Mann noch nicht erlebt, ihn zu trösten lenkte mich von mir selbst ein wenig ab. An Schlaf war  allerdings nicht zu denken.             Am Morgen mussten die Jungs ihr Frühstück bekommen, gut das Mmbaraka wieder da war und hilft, ich fühlte mich völlig zerschlagen.

 

Am nächsten Vormittag fuhren wir erneut ins Krankenhaus, eigentlich wollten wir Lucy das nötigste für einen Krankenhausaufenthalt vorbei bringen, aber wir durften sie schon mit nach Hause nehmen. Die Ärzte hätten ihr mitgeteilt, es sei alles in Ordnung. Wie zynisch. Es brauchte Stunden um alle Formalitäten zu erledigen und wir endlich ein Taxi nach Hause nehmen konnten. Lucy konnte sich kaum auf den Beinen halten, sie hatte durch die Fehlgeburt sehr viel Blut verloren, eine Infusion hatte sie scheinbar nicht bekommen. Es war klar, allein kann sie nicht bleiben und das wollte sie auch unter keinen Umständen, Lucy wollte zu uns. Wir mussten zuerst dafür sorgen, dass Lucys Sohn Hamadi  zu uns kam, auf ihn hatte ein Freund aufgepasst. Außerdem bedeutete es, neun Menschen bei uns zu versorgen. Ich beschloss mit Sadat, dass Kassim, Ndoro und Mmbaraka  zum Schlafen allerdings  in Lucys Wohnung umsiedeln müssten.

 

In den nächsten Tagen waren wir damit beschäftigt die neun Menschen zu bekochen, Wäsche zu waschen und uns um Lucys zu kümmern. Mize kümmerte sich dabei besonders liebevoll um die Patientin  und freute sich offensichtlich über mein Lob. Am dritten Tag bekam Lucy  derartig heftige Kopfschmerzen, dass sie sich früh morgens, als alle anderen noch schliefen, mit Mmbaraka ins Mount Meru aufmachte, sie gaben ihr irgendein Pulver mit, mehr nicht.                                                                                                                                                                              Am Nachmittag sah Lucy so schlecht aus, das ich wirklich Angst bekam, die Medikamente halfen gar nicht. Sadat und ich beschlossen, mit Lucy in das Krankenhaus zu fahren, in dem ich mich vor ein paar Wochen wegen meiner Nierenbeckenentzündung behandeln ließ. Wir wussten, dass es zwar wesentlich teurer ist, als das Mount Meru, aber ich versprach mit dort auch deutlich bessere Hilfe.                                                  Lucy war von dem Vorschlag nicht besonders angetan aber wir setzten uns durch. Lucys Mann Ali wollte uns im Krankenhaus treffen, er kam gerade von seiner Safari.                                                                                                                                                                                                             Lucy wurde im Krankenhaus sofort von einem Arzt angeschaut, es gab ein großes Blutbild, ein eigens sauberes Bett und nach den das Ergebnis der Blutuntersuchung vorlag, ein paar Spritzen und einige Infusionen. So in etwa stelle ich mir eine Behandlung vor. Nach einigen Stunden durfte sie wieder zu uns nach Hause kommen, sie sah deutlich besser aus und auch die Kopfschmerzen hatten nach gelassen.

 

Lucy ließ sich noch zwei weiter Tage  von uns ein wenig verwöhnen, jetzt ist ihre Mutter bei ihr und so wird sie sich hoffentlich bald richtig gut erholen und den Schmerz um die Fehlgeburt bewältigen.  

 

 

Sie war dankbar, dass wir uns mit ihrer Behandlung durchgesetzt hatten und sie bei uns gepflegt haben. Ich habe mich darüber gefreut, dass wir als Familie ein gutes, hilfreiches Team waren.                                                                                                                                                                    Wir haben dabei gelernt, dass jeder so seine Eigenheiten hat auf die man Rücksicht nehmen kann, aber das wir in Notfällen gemeinsam handeln können. 


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Kommentare: 1
  • #1

    Kerstin (Dienstag, 09 Oktober 2018 16:37)

    Hallo Elske! Ich hab deinen Blog über die fotocommunity gefunden! Heute lese ich die erste Geschichte daraus, über die Fehlgeburt von Lucy. Das ist wirklich eine ergreifende und traurige Geschichte. Ich finde es toll, dass du dich nicht in allem völlig anpasst und es einfach als typisch afrikanisch hinnimmst, sondern dass du dich auch durchsetzt, wenn es lebenswichtig oder einfach für dich persönlich wichtig ist. In anderen Dingen aber kannst du auch die afrikanischen Besonderheiten akzeptieren.
    Es macht Spaß, deinen Text zu lesen, denn du schilderst die Geschehnisse klar, anschaulich und sehr lebendig, ohne zu viel auszuschmücken oder zu episch zu werden:-) Ich hab beim Lesen ein bisschen das Gefühl, als sähe ich das Gelesene vor mir, quasi wie im Film. Das gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße, Kerstin