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Tschüss Deutschland


Ich sitze auf der Veranda, die Sonne scheint angenehm warm, noch ist es nicht zu heiß, die Jungs spielen mit zwei Freunden im Hof Fußball, es macht Spaß ihnen beim Toben zu zuschauen. Hin und wieder bekomme ich ein Lächeln geschenkt. Ich träume ein bisschen vor mich hin und kann so die letzten Tage mit viel Stress und auch körperlicher Anstrengung sacken lassen.

 

Sadat und ich sind wieder Zuhause. Wir haben nochmal zwei Wochen in Deutschland verbracht, um meinen restlichen Haushalt aufzulösen und das Haus an einen neuen Besitzer zu übergeben.

 

Wir kamen uns bei unserer Reise schon fast routiniert vor. Der gleiche Tisch am Flughafen in „Kili“ um vor dem Abflug einen kleinen Snack zu uns zu nehmen, ein ruhiger Flug, bei dem ich sogar schlafen konnte, Sadat leider nicht. Die Passkontrolle in Frankfurt verlief wieder ohne Probleme und die Zugfahrt nach Hannover war einwandfrei. Außerdem empfing uns das schönste Herbstwetter, sodass wir noch vor einem Notartermin, ein schönes Essen im Freien genießen konnten.  

 

Eigentlich hatte ich den Flug so gebucht, dass dazwischen nur eine Woche lag. Wir stellten sehr schnell fest, dass die Zeit nicht reichen würde um alles zu erledigen und konnten den Flug glücklicher Weise umbuchen. Aber auch die zwei Wochen waren knapp und vollgestopft mit Terminen.

Es  blieb nicht viel Zeit für Freunde oder die Familie, einige haben mir das sicher sehr übel genommen, aber ein Tag hat nur 24 Stunden.

 

 Ich habe mich bei Versicherungen abgemeldet und hoffentlich nichts vergessen. Mein Auto musste verkauft werden, es zu verschiffen hat sich nicht mehr gelohnt. Bei unserem letzten Besuch hatte ich ja schon das meiste, in hoffentlich gute Hände, abgegeben und einiges per Post geschickt. Wir hatten uns vorab nur wenig darum gekümmert, einen Container nach Tansania zu verschiffen. Das was wir in Erfahrung bringen konnten erschien mir viel zu kompliziert und zu teuer. Im Nachhinein vielleicht auch Glück, wer weiß, wie viel ich sonst mitgenommen hätte. So  blieb nur der Postweg mit Dingen die mir wichtig waren. 5 Pakete sind es diesmal geworden, ein paar Bilderalben, ein paar selbstgetöpferte Schalen, ein paar Bilder, ein paar Nützlichkeiten, ein paar Sinnlosigkeiten.

 Auf Bücher habe ich ganz verzichtet, sie sind einfach zu schwer. Stattdessen habe ich mir beim letzten Besuch schon ein E-Book zugelegt, nicht so schön wie ein Buch, aber eine gute Alternative um weiterhin deutsche Bücher lesen zu können.                                                            Meine Klamotten auszusortieren fiel schon ein wenig schwerer, obwohl ich jede Menge weggegeben habe,  platzt mein Kleiderschrank hier aus allen Nähten. Schon wieder so viele Klamotten.                                                                                                                                                                Bei unserem letzten Besuch hatte ich schon gut vorgearbeitet und den Recyclinghof mehrmals angefahren, sodass jetzt nur ein paar Fahrten nötig waren. Sadat stellte immer wieder verblüfft fest, wie viel   Krempel so ein Haushalt beherbergen kann und fand es schade, dass Einiges doch nicht von anderen gebraucht wurde.                                                                                                                                                                               Wie heißt es an einer Stelle in dem Song „leichtes Gepäck“ von Silbermond: „Plötzlich siehst du das Ergebnis von Kaufen und Kaufen und stellst fest, dass du 90% davon nicht brauchst.“ Trotzdem, für die Dinge, die ich gerne mitnehmen wollte, hatte er auch diesmal Verständnis, auch wenn ihm der Gebrauch  nicht immer einleuchtete.                                                                                                                                                       Es  ist wirklich schon verblüffend wie sehr wir an manchen Dingen hängen und uns nicht davon trennen wollen, obwohl sie doch nur unser äußeres Leben verkörpern. Wir merken oft nicht, dass der ganze Krempel der uns umgibt Ballast ist und das wir mit viel weniger gut auskommen könnten. Ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, mich auf die wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren.

 

Bei all dem Stress, hatten wir doch ein wenig Gelegenheiten Nachrichten zu schauen, hier in Tansania bekomme ich nur Allgemeines mit. Wieder war ich erstaunt, dass die Asyldebatte nach wie ein heißes Thema ist und die Gesellschaft scheinbar negativ verändert. Wenn eine rechtspopulistische Partei wie die AFD soviel Zustimmung erhält, kann das nicht gut sein. Wir haben bei unseren beiden Besuchen in Deutschland keine schlechten Erfahrungen gemacht, aber  der Rechtsruck hat uns zusätzlich darin bestärkt, dass unsere Entscheidung in Tansania  leben zu wollen, richtig ist.

 

 Die letzten Tage verbrachten wir in einem fast leeren Haus, dazu wurde auch das Wetter kalt und ungemütlich, mich befiel ein merkwürdiges und paradoxes Gefühl, melancholisch und befreiend zugleich.

 Mein jüngster Sohn hatte bis jetzt in unserem Haus in Deutschland gewohnt, zwischen unseren beiden Reisen  hatte er eine eigene kleine Wohnung gefunden. Die Zeit reichte gerade, um ihm, ein wenig  bei der Renovierung und beim Umzug helfen.                                                 Sadat hatte nun auch noch die Gelegenheit einen Pinsel zu schwingen, zum ersten Mal wie er sagte. So gut wie er das gemeistert hat, kann ich das nach wie vor nicht so recht glauben. Es war ein gutes Gefühl, auch den jüngsten meiner Söhne noch ein wenig auf den Weg zu bringen, auch wenn es sich dabei nur um wenig Hilfe handelte. Quasi symbolisch.                                                                                                                      Zwei Nächte verbrachten wir noch zusammen in seiner neuen Wohnung, auch eine neue Erfahrung für uns.

 

Am vorletzten Tag unserer Reise fand der Termin für die Schlüsselübergabe meines Hauses statt, alles war ausgeräumt und schon sehr fremd, nicht mehr meins. Auch wenn ich nach wie vor, davon überzeugt bin, dass richtige zu tun, die Endgültigkeit dieses Schrittes hat mich einen Moment aus der Balance gebracht, nach dem Motto: "Es ruckelt ein bisschen, wenn das Leben in den nächsten Gang schaltet."                            Bei meinem zuständigen Bürgeramt meldete ich mich noch ab, in meinem Personalausweis klebt jetzt die Anmerkung: keine Wohnung in Deutschland. Die Mitarbeiterin, der ich auch meine neue Adresse in Tansania mitteilte, machte mich noch darauf aufmerksam, dass ich selbstverständlich weiterhin wählen kann.

 

Wenn wir in Zukunft nach Deutschland reisen, werden wir Besucher sein und uns entweder bei der Familie oder in einem Hotel einquartieren müssen.  Mich jetzt von meinen Eltern zu verabschieden fiel mir sehr schwer, sie werden den Weg nach Tansania wohl nicht mehr wagen. Anders sieht es bei meinen Söhnen aus, sie werden sicher zu Besuch kommen.

 

Bevor wir den Rückflug antraten, gönnten wir uns noch eine kleine Shoppingtour, ein paar Dinge für die Kinder und Sadat und für mich einiges an Kosmetikartikeln die ich hier nur schwer und teuer bekomme.

 

 

Nach dem Rückflug empfing uns am Abend sehr warmes Wetter, Sadat hatte die letzten Tage doch sehr gefroren und auch ich freute mich über die Wärme.                                                                                                                                                                                                                      Obwohl es schon sehr spät war, warteten die Jungs gespannt auf uns und als sie mich fest in die Arme nahmen, wusste ich wieder; ich bin Zuhause.


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Kommentare: 10
  • #1

    Norbert Kappenstein (Dienstag, 09 Oktober 2018 12:41)

    Hallo Elske, wieder sehr spannend geschrieben. Nochmal meine Bewunderung für diesen Schritt.
    LG Norbert

  • #2

    Gerda (Butterfly53 FC) (Dienstag, 09 Oktober 2018 14:46)

    Liebe Elske!
    Ich bewundere Deinen Mut! Alles hinter Dich zu lassen und neu anzufangen. Ich habe es vor 12 Jahren auch gemacht, aber hier in Deutschland.
    Sehr schön, Dein Blog und spannend!
    Ich wünsche Dir und Deiner neuen Familie dort alles Gute und bleibt gesund!
    Liebe Grüße aus der Heimat...Gerda

  • #3

    Diana v. Bohlen (Dienstag, 09 Oktober 2018 16:47)

    Deine Gefühle bei der Auflösung Deines alten Zuhauses kann ich gut nachvollziehen, ich habe das vor 2 Jahren gemacht.

    Jezt also bist Du GANZ angekommen !

    meine allerbesten Wünsche für eine gemeinsame Zukunft !

    Diana

  • #4

    Christa Regina (Dienstag, 09 Oktober 2018 17:09)

    Schliesse mich Norbert an. Wieder sehr spannend geschrieben und auch ich bewundere dich für diesen endgültigen Schritt. Ich weiss nicht, ob ich dazu fähig gewesen wäre.
    Sei lieb gegrüßt von Christa

  • #5

    Ulla Holbein (Dienstag, 09 Oktober 2018 19:41)

    Hallo Elske,
    deine Berichte sind nach wie vor äusserst interessant!
    Du hast mein volle Bewunderung!...
    Ich finde deinen Schritt äusserst mutig und sicher ist es dir auch nicht ganz leicht gefallen, alle Zelte in Deutschland abzubrechen.
    Allerdings, du wirst schon wissen was für dich am besten ist!...
    Und so, wie es sich anhört, bist du mit deinem jetzigen Leben sehr zufrieden und glücklich!
    Darüber freue ich mich und wünsche dir von ganzem Herzen, dass es so bleibt!...:)
    Liebe Grüsse zu dir/euch...
    herzlichst Ulla

  • #6

    Rebekka (Dienstag, 09 Oktober 2018 20:21)

    Du bist wirklich mutig und ich wünsch euch alles gute .. ;o) Rebekka

  • #7

    Gabi Ratsch (Mittwoch, 10 Oktober 2018 08:24)

    Liebe Elske,
    ich bewundere deinen Schritt in eine, in deine neue Welt zugehen. Ich kenne dich aber auch so weit recht gut, um zu wissen, dass du dem Ruf deines Herzens gefolgt bist. Dir und deinen neuen Familienmitgliedern wünsche ich ein zufriedenes Leben. Und deine Jungs in Deutschland werden dich sicher besuchen kommen. Lebe deinen Traum und fühle dich gedrückt, alles Liebe Gabi

  • #8

    Lichtmagie (Sonntag, 14 Oktober 2018 08:34)

    Es ist das Herz, auf das wir hören sollen,
    auch wenn der Verstand manchmal sagt....
    tue es nicht.
    Aber wenn wir selbst unsere Träume nicht umsetzen,
    wer sollte es sonst.
    Eine ganz besondere Geschichte ist das...
    die Du da schreibst.
    Du bist schon ein ganz besonderer Mensch,
    das kann ich aus Deinen Worten lesen.
    Ganz liebe Grüße
    Karin

  • #9

    Ruth U. (Montag, 22 Oktober 2018 18:30)

    Elske, das ist wirklich ein mutiger Schritt, aber schön, dass Du den Mut hattest.
    Sehr interessant schreibst Du über Dein neues Leben.
    Ich wünsche Dir und Sadat ganz viel Glück und alles Gute.
    Deine Entscheidung bewundere ich irgendwie.
    Liebe Grüße
    Ruth

  • #10

    Ulla Moswald (Samstag, 27 Oktober 2018 14:11)

    ...du bist wirklich mutig! Es fühlt sich beim lesen an, als ob man dich ein wenig begleitet hätte. Und vorallem, als ob du die richtige Wahl getroffen hast!!! Ganz viel Glück in deiner neuen Heimat wünsche ich dir...
    Liebe Grüße
    Ulla