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Patchwork-Familie


Es gibt ja bekanntlich die unterschiedlichsten Formen einer Patchwork- Familie auf der Welt und wir sind eine davon.                                          Ein bunter Familienflickenteppich auf zwei Kontinenten.

In meiner Lebensplanung hatte ich eigentlich keine kleinen Kinder mehr einkalkuliert, außer eben meine Enkelkinder. Aber was ist schon ein Plan, wenn das Leben etwas ganz anders für dich vorsieht.        

 Jetzt leben wir seit fast einem Jahr als Patchwork-Familie zusammen.                                                                                                                                 Da Sadat doch relativ viele Safaris begleitet, musste ich schnell in die Rolle der Stiefmutter schlüpfen.                                                        Stiefmutter hat so einen merkwürdigen Beigeschmack, man denkt an Schneewittchen und der gleichen mehr, auch hier in Tansania gibt es diese Geschichten der bösen Stiefmutter. Vielleicht bin ich deshalb auch hier, lieber nur Elske, das reicht mir.                                             Trotzdem werden wir hin und wieder  von irgendwelchen Menschen gefragt, ob ich die Mutter von Mini und Kassim bin. Kassim wehrt das meist ab, für ihn kommt dass einem Verrat an seiner leiblichen Mutter gleich. Die beiden haben eine leibliche Mutter, sie lebt im Ausland, telefoniert nur sporadisch mit den beiden und spielt in unserem Alltag keine wirklich große Rolle. Wir haben uns kurz, via Whats app kennengelernt und mögen uns ganz bestimmt nicht. Aber ich bemühe mich sehr, mein Gefühl nicht auf die Kinder zu übertragen, und ihrer Mutter mit dem nötigen Respekt gegenüberzutreten. Ich will einen Loyalitätskonflikt für Mini und Kassim möglichst vermeiden.

 

 Höchstwahrscheinlich erziehe ich die beiden anders, als es eine tansanische Stiefmutter tun würde. Was in Deutschland schon lange verpönt ist, Kinder gewalttätig zu erziehen, ist hier Realität und ich erlebe fast jeden Tag, wie Kinder von ihren Müttern oder Vätern auf offener Straße verprügelt werden. Und ich meine wirklich verprügelt. Sadat und ich lehnen diese Methode strikt ab und mussten uns ja schon deshalb, das ein oder andere Mal mit der Schule auseinander setzten.                                                                                                                                                   Aber natürlich setzte ich Grenzen und es gibt Regeln. Einige dieser Regeln sind für die Kinder sehr merkwürdig. Ich achte z.B. darauf, dass die Kinder nicht überall wo sie gehen und stehen ihren Müll wegschmeißen, sehr merkwürdig für die beiden, da hier kein Mensch darauf achtet.

In der ersten Zeit unsers Zusammenlebens war ich oft  über den „Befehlston“ der Beiden genervt, wenn sie z.B. essen wollten. Ich musste mich ziemlich oft stur stellen, bis das Zauberwort „Bitte“ zu ihrem Wortschatz dazu gehörte und das in allen drei Sprachen die wir nutzen. Jetzt benutzen sie es ganz selbstverständlich und ihre Freunde bekommen hin und wieder eine kleine Lektion in Benimmregeln. Ich bin einfach davon überzeugt, dass man mit etwas Höflichkeit im Leben weiterkommt, hier wie in Deutschland, oder sonst wo. 

 

Die Regel, dass Handys beim Essen ausgeschaltet werden, war recht schnell eingeübt und selbst Sadat wird ab und zu von den beiden darauf hingewiesen. Regeln gelten eben meist für alle. 

 

Bei dem Medienkonsum kann ich mich allerdings nach wie vor nicht durchsetzen, es stößt auf völliges Unverständnis, wenn ich mich über Filme aufrege, die die Kinder manchmal sehen und die für ihr Alter komplett ungeeignet sind.

 

Mein Einfluss in die Erziehung beruht natürlich auf meinen europäischen Wurzeln und diesen „Akzent“ gebe ich an die beiden weiter, was nicht unbedingt negativ sein muss. Ansonsten sind die beiden aber natürlich stark geprägt von der tansanischen Art zu leben, die auch auf mich abfärbt. Dazu kommen noch traditionelle, muslimische Wertevorstellungen und Regeln die unser Leben hier beeinflussen.

 

Was uns  wohl am meisten von allen anderen Patchwork- Familien unterscheidet, ist unsere Art der Kommunikation. Nach wie vor kauderwelschen wir fröhlich drauf los und mixen drei Sprachen zusammen. Nein, eigentlich vier Sprachen, zählt man die Gebärden, die wir nutzen mit.  Zuerst hatte ich große Bedenken, ob das, Minis oder Kassims sprachlicher Entwicklung gut tut, aber beide sind in ihrer Muttersprache gut bewandert und beide haben sich in ihrer englischen Schulnote deutlich verbessert. Englisch nutzen wir am meisten. Sie müssen aber, um sich mit mir zu verständigen, deutlich flexibler und auch kreativer agieren, als wenn wir nur eine Sprache nutzen würden. Ich muss viel mehr auf ihre Stimmungen achten, was sagt ihre Mimik, was ihre Gestik, um so, z.B.  Probleme der Kinder mit zu bekommen. Weiterhin, bin ich aber oft auf einen Dolmetscher angewiesen, ist Sadat mit Touristen auf Safari, übernehmen oft die Jungs  diesen Part. So entsteht für uns eine nicht immer leichte Situation. Auf der einen Seite erziehe ich die Kinder und bin natürlich für sie verantwortlich.  Auf der anderen Seite fühlen sich die Kinder hin und wieder für mich verantwortlich. Sind wir z.B. auf dem Markt unterwegs, übersetzt Kassim automatisch für mich. Spricht mich jemand Fremdes unerwartet an, ist Kassim automatisch zur Stelle um mich zu „beschützen“. Das gilt auch für Mmbaraka, der ja erst langsam lernen musste, dass ich durchaus selbständig handeln kann, auch wenn ich hin und wieder auf Hilfe angewiesen bin. Um so, gut mit einander auszukommen, braucht es also auch viel Geduld und auf  beiden Seiten eine kräftige Portion Humor.

 

Genauso wie wir die Sprachen mixen, mixen wir unsere Essgewohnheiten,  die Kinder haben sich nur sehr zögerlich an meine Art des Kochens gewagt, mittlerweile stehen Bratkartoffeln und Spagetti Bolognese auf unserem Speiseplan, grünen Wackelpudding mit Vanillesoße finden sie allerdings immer noch scheußlich. Sie freuen sich darüber, wenn ich ihnen ihr Lieblingsgericht „Chips na Mayai“(Pommes mit Ei) zubereite und das ich gute Maandazi machen kann, finden sie cool.                                                                                                                                                    Das ich mich bemühe einheimische Speisen auf den Tisch zu bringen, hat sie vielleicht im Gegenzug dazu bewogen, sich auf meine kleinen Kochkünste einzulassen und europäische Speisen wenigstens mal zu probieren.  

 

Von außen betrachtet sind wir vielleicht eine merkwürdige Familie, wir empfinden unseren bunten Familienflickenteppich als normal.            Mit dem Bilderbuch „Karius und Baktus“  von Papa vorgelesen und übersetzt. Mit Bratkartoffeln zu Maandazi, Popcorn am Samstagabend wenn „Arsenal“ gegen „Manchester“ spielt. Wenn Mini mir auf seine kindlich, geduldige Art Grammatikregeln für Suaheli erklärt und alle lachen, wenn ich das ein oder andere Wort, einfach nicht korrekt aussprechen kann. Mit Tränen trocknen und Streit schlichten und einem Gutenachtkuss vor dem zu Bett gehen, mit „Iii“ dass esse ich nicht. Die Skyp- Meetings mit meinen Söhnen in Deutschland, die auch von Mini und Kassim mit Spannung verfolgt werden. Mit all diesen Dingen sind wir eine völlig normale Patchwork- Familie.

 

 

 

 



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Kommentare: 2
  • #1

    Norbert Kappenstein (Donnerstag, 08 November 2018 14:55)

    Hallo Elske,
    toll wie Du das mit den Kindern meisterst. Aber die scheinen ja wirklich auch ganz lieb sein.
    Langweilig wird Dir jedenfalls nicht :-))
    LG Norbert

  • #2

    Dorothea Weckmann-Piper (Donnerstag, 08 November 2018 19:31)

    Hallo Elske,
    das ist , wie immer spannend zu lesen. Und man sieht auch, wie gerne Dich die beiden Jungs haben und toll, wie Du in Deine neue Familie integriert bist.
    Alles Gute Euch!!
    liebe Grüße aus der Ferne, Dorothea