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Angst verbreiten


 

Die letzten Monate waren hier auf Sansibar, wen wundert es, sehr, sehr ruhig.

Zwar öffnete die tansanische Regierung die Grenzen deutlich früher als andere afrikanische Länder und erntete damit weltweit großes Unverständnis. Die Flugzeuge mit den Touristen blieben jedoch aus.                                                               Die meisten Hotels und Restaurants  hatten geschlossen, was im Übrigen für einige große Resorts nach wie vor gilt.        In unserem kleinen Fischerort verirrten sich bis Anfang August nur einige wenige Touristen. Zeit für uns und unser Haus. Hier gibt es immer etwas zu tun und der Garten will auch gepflegt werden. Ich hatte Zeit zu fotografieren und Sadat und ich genossen ausgedehnte Spaziergänge am Meer.                                                                                                                  Solange die Kinder keine Schule hatten, übernahm Sadat den Unterricht und brachte, zumindest Mwinyi, den jüngsten unserer Söhne schulisch recht weit nach vorne.

 

Auch wenn wir es nicht geplant hatten, bekamen wir in der  Nachwuchs. Zwei entzückende kleine Katzenbabys.             Ihre Mutter hatte sich durch permanentes Miauen einen Platz in unserer Küche ergattert, fraß und schlief, schlief und fraß  ein paar Wochen und wurde kugelrund.                                                                                                                                     Von einem auf den anderen Tag kam sie plötzlich nur noch am Abend vorbei, deutlich schlanker.                                          Ich ahnte was da kam und richtig nach ca. drei Wochen wurde ich eines Nachts durch klägliches Miauen geweckt.           Die Katzenmama brachte erst ein Junges auf unsere Veranda um dann das nächste zu holen.                                           Völlig verängstigt suchen sich die beiden  die unmöglichsten Ecken aus und kam nur zum Trinken aus ihrem Versteck. Nach einer Woche hatten sie sich dann an uns gewöhnt und ließen sich schließlich auch streicheln.                                      Als die beiden ca. sechs Wochen alt waren verschwand die Mutter, wir wissen nicht, ob sie genug von den beiden Babys hatte, oder ob es sich dabei um einen tragischen Unfall handelte, gottlob hatten die beiden bereits begonnen zu fressen. Sie adoptierten Sadat als Mamaersatz und kuschelten sich, sobald er irgendwo saß, auf seinem Schoß ein.                        Die beiden hielten uns ganz schön auf Trapp, belohnten uns aber im Gegenzug mit ihrem wachsenden Vertrauen.     Beide hatten nach wie vor keinen Namen und wurden nur die Babys gerufen, bis eine der beiden innerhalb von einigen Stunden starb.                                                                                                                                                                                          Zwei Tage später wurde Nummer Zwei Zusehens krank. Sie fraß und trank nicht, schlief nur noch, es war furchtbar und kein Tierarzt in der Nähe.                                                                                                                                                                            In meinem Medizinschränkchen  befand sich noch eine Flasche Antibiotika für Kinder, dreimal am Tag verabreichten Sadat und ich ihr, eine von mir umgerechnete Dosis dazu Löffelweise Wasser.                                                                                   Nach vier Tagen ging es ihr sichtlich besser. Ein guter Zeitpunkt für einen richtigen Namen, Klärchen.                      Klärchen  geht es jetzt bestens und sie hat einen Freund.                                                                                                         Hässlich wie die Nacht, war er in der ersten Zeit, so ein richtiger alter Streuner, mit völlig zerzaustem Fell und einer kläglichen Stimme, zugegeben wir alle waren von seinem Anblick nicht begeistert, aber Klärchen hat ihr  Herz scheinbar an ihn verloren und teilt ihr Futter mit ihm. Kommt er von seinen Touren zurück, wird er freudig von ihr begrüßt, in der heißen Mittagshitze liegt der Gute auch schon mal in unserer Küche, ansonsten bleibt er ein Streuner.                              Alte Gewohnheiten gibt man nicht so schnell auf.  

So wie der alte Streuner plötzlich auftauchte, so taucht auch der erste Gast Mitte Juli auf, nicht zerzaust aber unerwartet. Er stand in der Tür und war sehr müde von einer langen Reise. Habt Ihr ein Zimmer frei? Ja, klar.  Er blieb länger als geplant und als er ging war er ein Freund.

 

Ehrlich gesagt freue ich mich am meisten über diese Gäste, die einfach auftauchen ohne vorab zu buchen, schauen ob es ihnen bei uns gefällt, wenn sie bleiben, entwickeln sich oft sehr nette Gespräche und manche bleiben dann eben ein bisschen länger, ein größeres Kompliment kann es an uns eigentlich nicht geben. Aber natürlich freuen wir uns in Zeiten wie dieser über alle Gäste, die kommen und geben unser bestes, ihnen einen schönen Aufenthalt zu bieten.

 

Seit einiger Zeit, haben wir auch ganz andere Gäste, die mich auf eine ganz besondere Art freuen, zeigen sie doch, dass wir ein bisschen zum Dorf dazu gehören. Da kommt zum Beispiel Maulid, er besucht Sadat, auf einen, wie wir in Norddeutschland sagen, Klön-schnack.                                                                                                                                                 Ich will ja nicht eitel erscheinen, aber er kommt auch, um ein paar selbstgebackene Kekse  samt Kaffee zu genießen, dabei philosophiert er eine Weile mit Sadat über Politik.

 

Apropos Politik, die darf in meinem kleinen Bericht nicht fehlen, wird doch in Tansania und damit auch auf Sansibar ein neuer Präsident gewählt.

 In Tansania kandidiert Herr Magufuli für eine zweite Amtszeit und hier auf Sansibar Hussein Ali Hassan Mwinyi, er möchte den amtierenden Präsidenten, Ali Mohamed Chain, nach zwei Amtszeiten ablösen. . Beide gehören der Regierungspartei CCM an, die seit 1964 ununterbrochen die Macht inne hat.

Seit Wochen machen Oppositionsanhänger, darunter auch die Partei Chadema  und auf Sansibar ACT Wazalendo, darauf aufmerksam, dass sie in ihrem Wahlkampf behindert werden. „Es sei zu befürchten, dass es trotz aller Versprechen von Seiten der Regierung  zu keinen  fairen und freien Wahlen kommt“, so die Opposition.

Natürlich sprechen auch Sadat und ich über Politik und deren Auswirkung auf die Gesellschaft. Die meisten Informationen entnehme ich dem Internet, wobei man nicht von einer großen Berichterstattung sprechen kann, die Bedeutung der Wahl in Tansanias findet nicht auf der großen Weltbühne statt,  hier dominiert eindeutig die Wahl in den USA.

 

Hier in unserem kleinen Dorf Paje hat die große Politik eine nur geringe Bedeutung.

Es ist also nicht so einfach für mich, mir ein  fundiertes Wissen anzueignen um mir eine unabhängige Meinung zu bilden. Auch zwei politische  Veranstaltungen hier in Paje konnten dies nicht ändern.                                                                          Aber es war trotzdem äußerst spannend, diese Veranstaltungen zu beobachten.  Zum einen trat die Opposition ACT mit ihrem Führer Maalim Seif hier in Paje auf, mit relativ wenigen Anhängern aber großem  Lärm.                                         Einige Tage später hatte Herr Mwinyi hier in Paje seinen Auftritt.                                                                                                 Was für ein Spektakel, unser kleines Dorf war für Stunden völlig überfüllt und erinnerte an ein großes gelb/grünes Volksfest, es fehlte nur das Bier. Natürlich konnte ich auf Grund meiner mangelnden Suaheli Kenntnisse den Reden nicht viel entnehmen, ich nehme allerdings an, dass  auch nicht viel Sinnvolles berichtet wurde. Mir kommt es so vor, als ob die Vertreter der unterschiedlichen Parteien, auf eine sachliche Darstellung ihrer politischen Ziele verzichten und den Menschen lieber, frech gesagt“ Gummibärchen an den Bäumen“ versprechen.

 

Aber wie gesagt, die Menschen hier interessieren sich eher für ihre Fußballvereine Simba und Young Africans (Yanga) und können über die Leistungen der beiden Clubs in stundenlange Diskussionen eintauchen. Richtig böse kann man dann auf seinen Nachbarn sein. Bei den unterschiedlichen Parteien ist man sich eher einig; „die da oben, machen doch alle den gleichen Käse“. Kommt uns in Europa bekannt vor, oder nicht?

 

Einiges ähnelt den Wahlkämpfen in Europa, befremdlich für mich und meinem Verständnis für Demokratie ist allerdings, dass Verhalten des Militärs und der Polizei, das sich eindeutig auf die Seite der Machthaber stellt.

 

Schon vor einigen Tagen konnte man einigen Berichten entnehmen, dass das Militär und die Polizei große Präsenz zeigt.

Menschen die sich scheinbar ohne Grund treffen um vielleicht nur über Fußball zu klönen, werden auseinander getrieben, hin und wieder ist auch von Festnahmen die Rede. Die Schulen sind für eine Woche geschlossen worden, um mögliche Gefahren  von den Kindern abzuwenden, falls es zu größeren Unruhen kommt. All dies gilt allerding nur für Sansibar, auf dem Festland rechnet keiner mit Unruhen.

Seit gestern haben nun in Sansibar-Stadt alle Geschäfte geschlossen und der öffentliche Verkehr ist stark eingeschränkt. Von Freunden wird berichtet, das es  angeblich die ersten Toten und Schwerverletzten geben soll.

Selbst hier in unserem kleinen Dorf stehen an vielen Ecken Polizei und Militär, um noch bedrohlicher zu wirken sind viele Militärs vermummt,  Es herrscht eine merkwürdig angespannte Stimmung. Eigentlich lasse ich mich nicht so schnell einschüchtern, eigentlich. Sadat und ich haben gestern für einige Tage eingekauft und hoffen, das es in Mitten der Hotelregion ruhig bleiben wird.

 

Höchstwahrscheinlich wird die Regierungspartei wieder gewinnen, ob das  einen großen Einfluss auf unser Leben hier in Paje haben wird, ich glaube nicht.                                                                                                                                                             Die Fischer werden wie gewohnt auf das Meer fahren, die Frauen werden in den Seeweed-Gärten arbeiten. Alle gemeinsam hoffen wir sehr, dass der Tourismus deutlich stärker, als zurzeit, zurück kommt und den Menschen Arbeit gibt.

 

 

Sadat sagt:“ das Leben geht immer irgendwie weiter.“ 



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Kommentare: 6
  • #1

    Marion Stevens-Gößmann (Mittwoch, 28 Oktober 2020 23:14)

    Hallo Elske,
    während der letzten Wochen habe ich oft an euch gedacht und mich gefragt, wie es euch ( nicht nur wirtschaftlich wegen fehlender Gäste) geht in diesen merkwürdigen Zeiten. Nun sehe und lese ich, dass es doch entspannter zugegangen ist in eurem neuen Domizil als ich gedacht habe. Deinen Text habe ich mit Interesse und Freude gelesen, und jetzt freue ich mich darauf, wieder öfter von dir Fotos zu sehen.
    Viele Grüße, bleibt gesund
    Marion

  • #2

    Norbert Kappenstein (Donnerstag, 29 Oktober 2020 14:03)

    Hallo Elske, vielen Dank für deinen ausführlichen und wieder sehr interessanten Bericht.
    LG Norbert

  • #3

    Christa Regina (Freitag, 30 Oktober 2020 10:17)

    Hallo liebe Elske.
    Wie immer ein sehr spannender und interressanter Bericht. Ich weiss zwar nicht, wie ihr in diesen Zeiten finanziell über die Runden kommt, aber ich hoffe sehr, dass es euch auch da gut geht.
    Passt auf euch auf und bleibt gesund.
    Herzlichst Christa

  • #4

    Eva Winter (Freitag, 30 Oktober 2020 17:19)

    Gerade lese ich wieder im großem Interesse deinen Bericht und bin als Katzenfreundin natürlich besonders berührt von deiner Geschichte um die Kätzchen. Freue mich natürlich, dass eine davon es geschafft hat und wünsche euch noch eine schöne Zeit mit dem kleinen Tiger.
    Politisch kann ich natürlich gar nicht mitreden, wie auch. Du weißt natürlich, dass wir momentan nur noch mit diesem Virus beschäftigt sind, welches die ganze Welt beherrscht.
    Nun wünsche ich euch alles Gute, viel Gesundheit und hoffe, dass euer Tourismusgeschäft bald wieder richtig laufen wird.
    Bis bald mal wieder ......
    LG Eva

  • #5

    Dorothea (Freitag, 30 Oktober 2020 18:01)

    Hallo Elske,
    Das ist ja wieder ein spannender und im Kätzchenteil berührender Bericht.
    Und danke auch für die beiliegenden Fotos, die nicht so grau sind wie bei uns
    in den Städten. Alles, alles Gute Euch, bleibt gesund, und habt richtig nette Gäste, die mit Euch in Freundschaft verbunden sind.
    Liebe Grüße aus Deiner alten Heimat! Dorothea

  • #6

    Gerlinde (Sonntag, 01 November 2020 09:04)

    Liebe Elske,
    immer wieder habe ich auf Deine Erzählungen gewartet und mir schon Sorgen gemacht, ob es Euch gut geht. Schön zu hören, dass dem so ist. Ich frage mich, wie Ihr diese Zeit finanziell übersteht. Den Wahlkampf in Tansania und Sansibar habe ich mitverfolgt und war erschrocken über die Modalitäten. Immerhin funktioniert ja seit heute auch wieder WhatsApp womit man unkompliziert Kontakt halten kann. Ich vermisse meine diesjährige Reise nach Tansania sehr und hoffe, dass es in den Osterferien klappt. Allerdings ist dann Regenzeit und ich weiß nicht, ob das wirklich die geeignete Jahreszeit ist, dort zu reisen. Aber wenn, vielleicht klappt es auch mit einem Aufenthalt bei Euch, was mich sehr freuen würde.
    Alles Gute für Euch und herzliche Grüße
    Gerlinde